Ansicht Stade

Filmprojekt „Die Schläferin“

von der Recherche bis zum Film

Silvia Steffens, Alexandra Ger-baulet, Karina Holst, Mirko Winkel
(Foto: Lohmann, Tageblatt)
Dieter Kunze, Alexandra Gerbaulet, Mirko Winkel
(Foto: Lohmann, Tageblatt)

DIE SCHLÄFERIN ist eine experimentelle Studie über die russischstämmige mutmaßliche Mörderin Irina S. aus Stade, die im Jahr 2011 erst ihren Ehemann und wenige Wochen später sich selbst tötet. Vier aus Recherchematerial verdichtete Stimmen nähern sich dieser Geschichte an, deren eigentliche Protagonistin selbst nie zu Wort gekommen ist. Denn zeitlebens war Irina S. eine unsichtbare Frau, lediglich ihre Tat verschafft ihr für einen kurzen Moment Sichtbarkeit. Einer Hohlform gleich wird sie im Film wie im Leben nie manifest, sondern bleibt stets Entwurf.

 

Der Anfang

Alex Gerbaulet: „Manche Geschichten finden einen und nicht umgekehrt. So war es als ich am 9. März 2011 zum ersten Mal von Irina S. gelesen habe: Irina (65) zerstückelt ihren Mann. Mich hat diese Geschichte sofort interessiert und ich habe mich gefragt, wer diese Frau wohl war und was sie zu ihrer Tat bewegt hat. In den folgenden 2 Jahren habe ich immer wieder an diese Geschichte gedacht und schließlich beschlossen, dazu zu recherchieren, um eventuell einen Film zu machen. Für die Recherche konnte ich Mirko Winkel und Tim Schramm begeistern, mit denen ich damals ein Büro geteilt habe.“

Wir haben zuerst einmal alle Zeitungsartikel gesammelt, die wir im Internet finden konnten. Dann haben wir uns informiert, wo in Stade wir mit unserer Recherche ansetzen könnten und wer uns eventuell vor Ort unterstützen könnte. Schnell sind wir dabei auf die Stader Stiftung für Kultur und Geschichte gestoßen, die uns seit der ersten Kontaktaufnahme im Herbst 2013 ideell und finanziell in unserem Vorhaben unterstützt und uns viele Türen aufgeschlossen haben. 2014 haben wir von der Stiftung ein Arbeitsstipendium erhalten, sie hat uns außerdem bei der Beantragung einer Förderung durch den Landschaftsverband Stade unterstützt. Nach den Zusagen dieser beiden Förderungen konnten wir schließlich auch noch das Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM), sowie die nordmedia für das Projekt begeistern. 2015 haben wir dann unsere Recherchen beendet, ein Drehbuch geschrieben und mit den Vorbereitungen zur Umsetzung begonnen. Die Dreharbeiten fanden im März und April in Stade statt. In den nächsten Monaten werden wir das Material schneiden und den Film fertigstellen.

Insgesamt war es eine lange Reise voller interessanter Begegnungen und Gespräche. Von jeder Begegnung haben wir viel gelernt.

 

Herangehensweise und Recherche

Wir waren seit 2013 viele Male für Rechercheaufenthalte in Stade und konnten jeweils interessante und informative Gespräche führen. Wir haben unter anderem die Anwältin von Irina S., den ermittelnden Polizisten, zwei Mitarbeiterinnen des Stader Frauenhauses sowie den forensischen Psychiater, der das psychiatrische Gutachten für Irina S. erstellen sollte, getroffen. Alle waren sofort offen für eine Zusammenarbeit. Außerdem haben sich mehrere Bürger/innen aus Stade auf den Aufruf „Zeitzeugen gesucht“ hin gemeldet, den das Stader Tageblatt am 28.9.2013 veröffentlichte. Darunter war auch eine Psychologin, die nicht direkt mit dem Fall zu tun hatte, aber aus einer ähnlichen Generation wie Irina S. stammt. Allen unseren Gesprächspartner/innen war gemein, dass sie aus ihren jeweiligen Perspektiven heraus versucht haben, die Ursachen und Motive für die Tat von Irina S. zu verstehen, ohne diese zu bagatellisieren.

Aus unserem umfangreichen Recherchematerial und den Mitschriften dieser zahlreichen Gespräche mit Zeitzeug/innen und den an den tatsächlichen Ermittlungen und Prozessvorbereitungen beteiligten Expert/innen haben wir schließlich vier Rollen entwickelt. Vier Stimmen rekonstruieren, analysieren, kommentieren den Tatverlauf und die vorausgegangenen und nachfolgenden Geschehnisse. Sie äußern Expertenmeinungen und geben Einblicke in persönliche und biografische Bezüge. Vier Annäherungen an die Geschichte der Irina S.. Wir interessieren uns dabei für die Geschichte der mutmaßlichen Mörderin, die Hintergründe ihrer Tat, aber auch für die gesellschaftlichen Mechanismen, die aus Irina S. eine unsichtbare Frau und schließlich eine Täterin gemacht haben.

Unsere filmische Sprache bewegt sich zwischen Dokument und Fiktion. Originale Schauplätze werden bewusst ausgespart. Angelpunkt ist stattdessen eine eingerichtete Wohnung, in der eine Waschmaschine brummt, ein Topf auf dem Herd überkocht, ein Küchenmesser auf dem Tisch liegt, der Fernseher läuft. Diese filmisch als bewegte Stillleben dargestellten häuslichen Alltagsszenen suggerieren, dass etwas gerade eben oder noch nicht passiert ist. Die Figur der Hausfrau scheint omnipräsent, bleibt im Bild aber abwesend, wie auch die eigentliche Protagonistin Irina S. unsichtbar bleibt. Die vier Stimmen konfrontieren aus dem Off diese Wohnung mit ihren Außenperspektiven auf die Geschichte der Irina S.. Sie brechen so den privaten, abgeschlossenen Raum stellenweise auf. Ein Kammerspiel, das einer Heimsuchung gleicht.

 

Umsetzung

Für die filmische Umsetzung haben wir in Stade nach einer Wohnung gesucht, die uns schließlich von der Wohnstätte Stade zur Verfügung gestellt wurde. Diese Wohnung haben wir mit großem Aufwand und in der kurzen Zeit von einer Woche renoviert und als Filmset komplett eingerichtet. Die Ausstattung der Räume ist nicht der Original-Wohnung nachempfunden, in der 2011 die Tat stattgefunden hat. Dennoch haben wir einige Details aus Beschreibungen der Wohnung von Irina S. und ihrem Mann aufgegriffen. Insgesamt ging es uns aber eher darum, eine bestimmte Atmosphäre der Heimeligkeit und gleichzeitigen Abgeschlossenheit nach Außen zu kreieren und das in einer von vielen möglichen Wohnungen, in denen häusliche Gewalt stattfinden und solche Taten passieren könnten.

Die Möbel und Requisiten sowie Teppiche, Gardinen und sonstige Ausstattungsgegenstände haben wir zum großen Teil in Stade gefunden. Mit großer Unterstützung u.a. des Haushaltsauflösers Michael Funk, der 2011 auch zur Auflösung der Wohnung von Frau S. bestellt war. Er hat sich noch an einige Details erinnern können. Überhaupt hatten wir viel tatkräftige Unterstützung vor Ort und alle Menschen sind uns mit Interesse begegnet. Ganz besonders hervorzuheben ist Dieter Kunze von der Stader Stiftung für Kultur und Geschichte, der über viele Wochen hinweg für uns vor Ort im Einsatz war und der uns immer mit Rat und Tat zur Seite stand.

Die Dreharbeiten selbst haben eine ganze Woche in Anspruch genommen. Wir waren dafür mit einem Team von insgesamt 9 Leuten u.a. für Kamera, Ton, Beleuchtung, Fotografie und Regie vor Ort. Über den Sommer wird der Film geschnitten und dann im Herbst 2016 fertiggestellt.

Wir freuen uns schon, den Film bald in Stade präsentieren zu können und mit den Stader Bürger/innen  ins Gespräch zu kommen.

 

Alex Gerbaulet / Tim Schramm / Mirko Winkel